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Klauda:
"Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronornmalisierung
der islamischen Welt"
(rezensiert von Salih Alexander Wolter;
veröffentlich in "Rosige
Zeiten", Nr. 119 (Nr.
119 als pdf-Datei, 8Mb))
„Ein Faktum, das dem Menschsein
als solchem entspringt“
Georg Klaudas notwendige Kritik des schwulen Islam-Diskurses.
Diese Studie will politisch genommen werden, also
doch wohl „persönlich“. Denn wo selbstbewusste deutsche
Lesben und – um die geht es hier vor allem – Schwule vermeinen,
sich mit „dem Islam“ auseinanderzusetzen, stößt
Georg Klauda sie auf ihre „Unfähigkeit, die Heteronormierung
der eigenen Gesellschaft überhaupt noch als solche wahrzunehmen“
(S. 123). Der 1974 geborene Diplom-Soziologe und Historiker – ehemals
Schwulenreferent im AStA der FU Berlin und an den Anfängen der sexualemanzipatorischen
Zeitschrift Gigi beteiligt – zeigt, dass „die Formierung einer
`selbstbewussten´ homosexuellen Identität“ ebendiese
Heteronormierung nicht nur zur Bedingung hat. Sie trägt, begriffen
„als Teil eines von westlicher Seite voranzutreibenden Emanzipationsprozesses“,
sogar noch zu deren Durchsetzung – gegebenenfalls mit militärischem
Zwang – in aller Welt bei, indem sie „einer dubiosen Ethnisierung
der Menschenrechte“ Vorschub leistet – „so als müsste
man sich zu einer bestimmten Minderheit bekennen, um sexuelle Rechte überhaupt
einklagen zu dürfen“ (S. 133).
Georg Klauda fand den unmittelbaren Anlass, Michel
Foucaults kritischen Ansatz – dem er in einem sich gegen queertheoretische
Interpretationen abgrenzenden Verständnis folgt – auf den Punkt
drängender politischer Relevanz zu bringen, indes vor Ort. Als im
Oktober 2003 im Berliner Rathaus Schöneberg der international beachtete
erste Kongress zur Situation türkeistämmiger Lesben, Schwuler
und Transgender stattfand, machte das hauptstädtische Homomagazin
Siegessäule mit der Schlagzeile „Türken raus“ auf.
Mochte das noch als provokantes Spiel mit der Coming-out-Losung gemeint
sein – das freilich jegliche Sensibilität für die vermissen
ließ, die die Hassparole von klein auf zu hören bekommen -,
so äußerte sich Jan Feddersen in der taz schon unmissverständlich.
Indem er sich u. a. auf den Ärger bezog, den das Aids-Selbsthilfeprojekt
Café PositHiv mit ein paar Kids aus der Nachbarschaft hatte, beschwor
er unter dem Titel „Was guckst du? Bist du schwul?“ die Gefahr,
der Szene-Bezirk Schöneberg drohe „für Schwule zur No-go-Area
zu werden“. Und zur Abwehr führte Feddersen der Notwendigkeit
einer „Zivilisierung des Vormodernen“ das Wort, womit er junge
Männer meinte, „die im weitesten Sinne dem muslimischen Kulturkreis
zuzurechnen sind“. An diesen infamen Artikel erinnert Klauda im
Vorwort und verspricht: „Gegen diese Konstruktion von Lesben- und
Schwulenfeindlichkeit als ein `vorzivilisatorisches´ Relikt, das
zunehmend auf den Fremden und `Anderen´ abgewälzt wird, nimmt
das vorliegende Buch wissenschaftlich Stellung.“ (S. 8)
Es ist, um es gleich zu sagen, einer der in Deutschland seit Jahren profundesten
Beiträge zur sexualpolitischen Debatte geworden – und zugleich
eine glänzende Streitschrift wider die Borniertheit, mit der man
sie hierzulande im Allgemeinen führt; genau die Stellungnahme also,
die jetzt gebraucht wird. Denn was sich in jenem Herbst ankündigte,
war der vielleicht endgültige Bruch zwischen solchen Homos, die sich
als akzeptierte Minderheit im Rahmen gegebener Normen etablieren wollen,
und den anderen, die – auch weil man sie nur um den Preis der Selbstverleugnung
dazugehören lässt -- den Mechanismus infrage stellen, der die
Normen - und damit von ihnen abweichende Minderheiten - erst produziert.
Die Berliner Gays & Lesbians aus der Türkei (GLADT) jedenfalls,
die für den Kongress noch mit dem Lesben- und Schwulenverband (LSVD)
kooperiert hatten, verweigerten sich der kolonisatorischen Aufgabe, die
mit zu erfüllen ihnen Feddersen zumuten wollte. Zu eindeutig war
ja auch die Rede vom „Kulturkreis“ – wird doch klar,
nach welchen Kriterien der taz-Redakteur die Zugehörigkeit im Zweifel
bestimmt, wenn er z. B. über den GLADT-Mitbegründer Koray Yilmaz-Günay
notiert, dass „dessen dunkelblonde Haare nicht eben auf eine türkische
Herkunft verweisen“. GLADT erhob Einspruch gegen den Rassismus
sogenannter Bürgerrechtler: „Der LSVD behauptet, eine `Bürgerrechtsorganisation´
zu sein. Unsere Rechte vertritt er nicht!“, erklärte der seinerzeit
noch kleine Verein, als im Jahr darauf eine Aufsatzsammlung zum Thema
„Islam und Homosexualität“ erschien, die der Lesben-
und Schwulenverband zusammengestellt hatte. Denn dieser beschreibe Homophobie
und Gewalt „statt als soziale immer wieder als ethnische bzw. auf
die vermeintliche Religionszugehörigkeit zurückzuführende
Phänomene“ und konstruiere dabei „ein `Wir´…
aus weißen, aufgeklärten, nicht-homophoben, nicht-sexistischen,
urbanen usw. Deutschen“.
Hier wird bereits analysiert, was Klauda – der die Erklärung
von 2004 ausführlich zitiert (S. 126) - „die logische Konsequenz
der rassistischen Machtverhältnisse in Deutschland“ nennt,
„in denen `Ausländer´… zum Gegenstand beständiger
Anklage, Ermahnung und Zurechtweisung geworden sind“: „Während
schwule Aktivisten innerhalb der Dominanzkultur… bloße Bittsteller
bleiben, die um Toleranz und Verständnis werben müssen, übernehmen
sie im ausländerpolitischen Diskurs sogleich die Position des `Staatsanwalts´“
(S. 127f).
Der Islam also. Die Frage, was er denn nun wirklich
zur Homosexualität sage, wird bemühten Imamen von Hinterhofmoscheen
ebenso wie wichtigtuerischen „Fernsehexperten des Islam“ (Navid
Kermani) immer wieder gern gestellt. Aber ganz richtig lautet die Antwort,
die Georg Klauda darauf gefunden hat: Nichts. „Tatsächlich
ergibt der Begriff der `Homosexualität´ im Horizont der heiligen
Schriften des Islam gar keinen Sinn, weil er Denkweisen transportiert,
die mit dem Verständnis, das vormoderne Gesellschaften sich von dieser
Sache gemacht hatten, auf grundlegende Weise kollidieren. Traditionelle
islamische Juristen gingen etwa von der Prämisse aus, dass die erotische
Attraktion gegenüber dem eigenen Geschlecht ein natürliches
Faktum ist, das dem Menschsein als solchem entspringt“ (S. 51).
Sowohl die „Aussage, der Islam verdamme `die Homosexualität´,
ist im höchsten Maße irreführend“ (S. 129) als auch
die Deutung, „er toleriere `Homosexualität´… Beiden
Auffassungen liegt der gleiche Fehler zugrunde, ein epistemologisches
Konzept, das in unserer Gesellschaft verankert ist, nämlich Subjekte
in normal und anormal, in `homosexuell´ und `heterosexuell´
einzuteilen, auch in anderen Kontexten einfach ungeprüft vorauszusetzen.“
(S. 43)
So weiß die islamische Überlieferung zwar gewiss von Sex zwischen
Männern. Er gilt als verboten, und traditionell standen darauf theoretisch
je nach Rechtsschule unterschiedlich strenge Strafen. Dabei ist die Vorstellung,
dass „der“ Islam hier die Todesstrafe verlange, wiederum „grob
irreführend“ (S. 129), und selten kam es überhaupt zu
einer Verurteilung – nach den Regeln des Koran, der den Indizienbeweis
verwirft und vier Augenzeugen des Delikts fordert, wäre sie nahezu
ausgeschlossen. Im Übrigen ist der „Verbotsdiskurs… nicht
die ganze Wahrheit über den Islam. Eine Gegenposition… nahmen
schon früh die“ - gleichwohl immer zu den Gläubigen gerechneten
- „Sufis ein“ (S. 47): Klauda kann hier auf die „zahllosen
und auch über deutsche Bibliotheken leicht zugänglichen Belege
über die historische Bedeutung gleichgeschlechtlicher Liebe in der
islamischen Welt“ verweisen (S. 131). Doch vor allem gab es dort
darauf bis ins 20. Jahrhundert hinein keine Perspektive, „die identitäre
Denkformen naturalisiert“ (S. 22). Die längste Zeit machte
es, wie schon für Ibn Hazm (gest. 1064), den großen Theologen
des andalusischen Islam und Verfasser der klassischen arabischen Liebeskunst
Das Halsband der Taube, „keinen begrifflichen Unterschied, ob sich
die Rollen von `Liebenden´ und `Geliebten´ nun auf einen Mann
und eine Frau oder eben auf zwei männliche Personen verteilen“
(S. 44f).
Derweil bahnte sich im christlichen Europa des Hochmittelalters die von
Michel Foucault als im Vergleich zum einfachen Verbot für die Moderne
charakteristisch herausgestellte „andere Form der Macht“ an,
nämlich eine „Differenzierung, die eigentümlicherweise
nicht mehr an spezifischen Handlungen, sondern an den Subjekten selbst
haftet“ (S. 12). Bereits im 13. Jahrhundert behalf sich Thomas von
Aquin, immer um den Nachweis der Vernünftigkeit kirchlicher Lehre
bemüht, indem er den „Sodomiten“, der ja anscheinend
ganz unsinnige Lust am Unerlaubten empfand, „mit einer von der menschlichen
Gattung abweichenden Sondernatur“ ausstattete (S. 68).Seither versteht
sich im Abendland die erotische Attraktion, die einer für jemanden
vom gleichen Geschlecht fühlt, nicht mehr dadurch von selbst, dass
er ein Mensch ist – sondern dass er irgendwie „verkehrt“
sei. Erst diese, wie Klauda betont, „eben nicht nur essentialisierende,
sondern auch minorisierende Haltung der christlichen Theologie“
(S. 67) ermöglichte den späteren Homosexuellen als prekäre
„Spezies“ (S. 11[Foucault]).
Georg Klauda geht es nicht um eine Apologie des
Islam, auch nicht des echten – wenngleich er es zu Recht „fatal“
nennte, „wie der Westen mit dem Herrschafts- und Definitionsanspruch
des Islamismus kollaboriert, indem er ihm seinen kulturellen Authentizitätsanspruch
unbesehen abnimmt“ (S. 131). Dagegen bestimmt Klauda z. B. die „Schwulenverfolgung
im Iran“ nach der sogenannten Islamischen Revolution „als
Teil eines Modernisierungsprozesses…, der dem aus Europa adaptierten
Muster einer Verschiebung vom Gesetz zur Norm folgt und die diskursive
Produktion einer neuen, als `abweichend´ markierten Sexualität
beinhaltet“ (S. 62). Damit wird die vom tonangebenden Teil der hiesigen
Schwulenbewegung „in paternalisierender Überheblichkeit“
gepflegte „Auffassung der Geschichte als ein zielgerichteter Fortschrittsprozess,
dessen Vorreiter die westlich-liberalen Gesellschaften seien“ (S.
123), verabschiedet, das Problem nach Hause zurückgeholt. Denn natürlich
sind wir empört, wenn wir an das Bild der in Iran hingerichteten
„schwulen“ Teenager denken (leider nicht so präsent sind
uns meist Fälle wie der eines geistig Behinderten, der zur gleichen
Zeit in den USA bereits seit Jahren im Zuchthaus saß, nur weil er
als 18-Jähriger einverständlichen Oralverkehr mit einem 16-Jährigen
hatte [s. Klaudas Kommentar S. 29]). Aber sofern wir es nicht –
unwillig, uns „mit der Genealogie der eigenen Gesellschaft auseinanderzusetzen“
(S. 8) - als Ausdruck einer fremden kulturellen Tradition“ missverstehen
wollen, kann es uns auch zeigen, was gerade im
Abendland so lange möglich war und in letzter Konsequenz immer möglich
ist, wo „Menschen nach sexuellen Identitätskategorien sortiert“
werden (S. 27).
Klauda jedenfalls ist weniger optimistisch als Michel Foucault, was die
subjektive Wirkung des stets auf Heteronormativität bezogen bleibenden
Homo-Diskurses angeht. Statt in einer „`Anreizung´ peripherer
Lüste“ besteht sie für ihn eher „in einer beispiellosen
Verknappung von Verhaltensweisen, die als Ausdruck einer devianten sexuellen
Identität konstruiert und wahrgenommen“ werden (S. 13). So
sind etwa in der „Islamischen Republik“ die von persischen
Sufis von alters her getragenen Ohrringe auf einmal verpönt, weil
man sie, einer westlichen Mode gemäß, als Ausweis einer gay
identity interpretiert. Im Westen wiederum fühlen sich Männer,
die den angesagten metrosexuellen Look pflegen, zugleich zu verstärkter
„Überwachung des eigenen Verhaltens im Dienste eines strikten
heterosexuellen Identitätsmanagements“ verpflichtet (S. 122).
Der Sozialwissenschaftler Michael Bochow beobachtete in Berlin in den
90er Jahren rechte Jugendliche, die den Bezirk Kreuzberg mieden „mit
der Begründung, dass dort so viele Türken wohnten, die alle
schwul seien. Sie meinten damit die Verkehrsformen türkischer…
junger Männer, die bei der Begrüßung Wangenküsse
unter Freunden austauschen und wesentlich mehr Umarmungen und physische
Kontakte pflegen“ (S. 125), als dies offenbar deutschen Jungs akzeptabel
scheint, so sie nicht als andersrum gelten wollen. Klaudas ernüchternde
Erkenntnis: „Die Homophobie von Jugendlichen ist mit dem identitären
Homo/Hetero-Binarismus untrennbar verbunden und auf dessen Basis unaufhebbar.“
(S. 26) Die türkische Sprache verfügte seit osmanischer Zeit
über unglaublich viele Wörter, um Gleichgeschlechtliches in
jeder denkbaren Nuance zu bezeichnen. Doch keins davon brachte die „Sünde“
auf den Begriff, den sich das christlich konditionierte Europa davon machte
und der diese „Liebe aus den normativen Lebensentwürfen der
Bevölkerungsmehrheit rigoros abgesondert hat“ (S. 132). Wenn
inzwischen auch Berliner Unterschichtsjugendliche mit türkischen,
kurdischen oder arabischen Wurzeln gelernt haben, dass als „Schwuler“
zu verachten sei, wer von der vorgegebenen Männlichkeitsnorm abweicht,
beweist das, wie sehr sie die hier herrschenden kulturellen Regeln verinnerlicht
haben.
Mögen auch diejenigen dieses Buch lesen, die
aus Steuermitteln die immer schriller werdende xenophobe Propaganda des
Lesben- und Schwulenverbandes indirekt finanzieren – jüngst
warnte Alexander Zinn über die Presse gar vor der angeblich bevorstehenden
Einführung der Scharia an den Berliner Schulen. Bei Georg Klauda
lässt sich stattdessen etwas über die wirklichen Probleme lernen,
und vielleicht stellt sich ja eine Ahnung ein, wie man ihnen zukünftig
begegnen sollte. Was jedoch den LSVD, die Dummheit einmal beiseite, treiben
könnte, deutet Klauda nur dezent an.
Koray Yilmaz-Günay von GLADT war da in einem Interview direkter:
„Dem Verband sind die liebsten Migranten immer die gewesen, die
Probleme verursachen… Solange sich auf Kosten von ethnischen Minderheiten
ein Profil entwickeln lässt, das Fördergelder akquirieren hilft,
ist er schnell bei der Sache.“ (junge welt vom 28. Januar 2006)
Heute hat GLADT zahlreiche Mitstreiter_innen unterschiedlichster –
auch mehrheitsdeutscher – Herkünfte sowie geschlechtlicher
und sexueller Identitäten. Der Verein ist ganz von hier und auch
überhaupt nicht religiös orientiert – dennoch wird dort
im Miteinander für mich – um zum Schluss ganz persönlich
zu werden - manchmal die von Michel Foucault gepriesene „Freundschaft
als Lebensweise“ greifbar, wie sie nach Klauda in der traditionellen
„islamischen Welt“ eine „Alternative zum westlichen
Identitätsmodell darstellt“ (S. 23). Gut möglich, das
ist richtig queer.
Georg Klauda
Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormierung der islamischen
Welt.
Männerschwarm Verlag, Hamburg, 2008,
ISBN 987-3-939542-34-6
Preis: 16 Euro
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