|
Der nachfolgende
Text ist veröffentlicht (in leicht veränderter
Fassung) in: UTOPIE kreativ, 2005 (182): S. 1108-1114 (Download
als pdf-Datei / Online
als html).
##
Queer politics ## zwischen
kritischer Theorie ## und praktischer (Un)Möglichkeit ##
„Queer“ ist im Rahmen der queer
theory und der daraus resultierenden bzw. zu Grunde liegenden Praxis
nicht gleichbedeutend mit lesbisch oder schwul, wie es in Wörterbüchern
häufig zu finden ist. Aus dem Englischsprachigen kommend (übersetzt
heißt es soviel wie „merkwürdig“, „komisch“,
„sonderbar“ und erhält im Sprachgebrauch eine mit
„Arschficker oder „Schlampe“ vergleichbare Bedeutung)
wurde der Begriff durch die Gruppe „Queer Nation“ selbstbewusst
aufgegriffen und erfuhr eine Umdeutung zu einer übergreifenden
Bezeichnung, die Menschen aller Identitäten und Lebensweisen
einschließt.
Queer Nation, Lesbian Nation, Bitch Nation
Ende der 1980er Jahre entwickelte sich „Queer Nation“*
in den USA als loser Zusammenschluss von Menschen, die aus der Gesellschaft
ausgegrenzt und zu Außenseiterinnen gemacht wurden. Es entstand
eine Sammelbewegung, die mit radikalen Aktionen und einer radikalen
Sichtbarkeit den weißen mittelständischen heterosexuellen
Mainstream angriff und Kritik an der ebenfalls diskriminierenden
lesbischen und schwulen Community übte. Radikale Aktionen und
Sichtbarkeit heißt das Eindringen in als vor Störungen
sicher geglaubte weiß und heterosexuell normalisierte Räume,
das Eindringen in die Konsumgesellschaft, das Eindringen und positive
Besetzen des Mainstreams und das Aufgreifen patriotischer Aussagen
und Symbole. Ein Haufen von 50 und mehr „Queers“ ging
schrill gekleidet und laut shoppen, ging gemeinsam in sonst weiß
und heterosexuell dominierte Lokale, veranstaltete sit-ins, die-ins
und kiss-ins... Es wurde ein schwarzer und ein mit queer-T-Shirt
bekleideter Bart Simpson kreiert und die US-amerikanische Nationalflagge
verfremdet mit rosa Dreiecken von nur mit der Fahne bekleideten
Menschen durch die Straßen getragen. Ziel war, öffentliche
Räume psychologisch unsicher (im Sinne der Mehrheitsmoral)
zu machen und damit Normierungen aufzubrechen; öffentlicher
Raum sollte mit Sexualität und politischer Identität besetzt
werden.
Kritisch war der Umgang mit Nation und Patriotismus.
Es gilt nicht als gesichert, dass „Queer Nation“ einen
ironischen Umgang durchgehalten hat oder auch positiv auf Nation
und Patriotismus Bezug zu nahm. Ebenfalls als problematisch erwies
sich das Nutzen von Nacktheit als Mittel der Öffentlichkeit,
da Nacktheit von Männern und Frauen in der Öffentlichkeit
unterschiedlich wahrgenommen wurde (und wird). Frauen wurden und
werden mit zunehmender Nacktheit und erotischer Erscheinung rasch
auf Körperlichkeiten reduziert und zu sexuellen Objekten gemacht.
Als Resultat beider Problematiken entstanden Lesbian Nation und
Bitch Nation, die als radikales Mittel politische Magazine herausgaben,
in denen politische Veränderungen eingefordert wurden –
und auch postpatriarchale und postnationale Fantasien zu Wort kamen.
Queer theory knüpft an diese radikalen Fantasien an und entwickelt
Ideen für gesellschaftliche Veränderungen.
Definition und Zuweisung als Mittel der
Ausgrenzung und Unterdrückung
„Sowohl die explizite als auch die beiläufige Geschlechterforschung
basieren auf dem Alltagswissen, da alle Forschung über Geschlechtsunterschiede
die alltägliche Unterscheidung von zwei Geschlechtern schon
voraussetzt. Um festzustellen, daß Männer diesen Testosteron-Wert
und jene Chromosomenstruktur haben, und Frauen jene Werte und diese
Chromosomen, müssen Männer und Frauen erst einmal unterschieden
werden.“ (Hirschauer, 1994)
Überall in unserer Gesellschaft sind
Normen vorhanden. Wie von Hirschauer in dem vorangestellten Zitat
zutreffend beschrieben, werden Menschen in Gruppen eingeteilt und
werden diesen Menschen kollektive Merkmale zugewiesen. Mag es an
einigen Stellen sinnvoll erscheinen, für sich selbst Einteilungen
von Menschen an Hand bestimmter charakterlicher (vielleicht auch
körperlicher) Merkmale vorzunehmen, so führt dies in der
gesellschaftlichen Praxis zu Ausschlüssen und Vorurteilen.
An dem Beispiel der Geschlechter wird dies vielleicht deutlicher:
Menschen werden von Geburt an in „Jungen“ und „Mädchen“
unterschieden. Dies geschieht an Hand äußerlicher körperlicher
Merkmale und führt zu bestimmten Anforderungen, die an das
jeweilige „Geschlecht“ gebunden werden. Jungen spielen
mit Autos und tummeln sich auf dem Fußballplatz, Mädchen
spielen mit Puppen und sind bei Handarbeiten besonders geschickt.
Im Kindesalter beginnend, erstrecken sich diese Einteilungen in
die Schule, wo Lehrpläne und Anforderungen „geschlechtsspezifisch“
durch Ministerien und durch Lehrerinnen unterschiedlich gestaltet
werden, und durchdringen alle gesellschaftlichen Bereiche. Berufe
und Bezahlungen sind „geschlechtsspezifisch“ noch immer
höchst unterschiedlich, Kaufhäuser sind binär nach
„Männern“ und „Frauen“ eingeteilt,
Werbung zielt bewusst auf „Männer“ und „Frauen“
ab und spätestens vor der Toilette angekommen, muss mensch
sich einem Geschlecht zuordnen. Dabei findet keine Berücksichtigung,
dass es Menschen gibt, die sich nicht in dieses Schema einpassen
wollen oder können – und das diese pauschale Einteilung
von Menschen sich an vielen Stellen als unzureichend oder sogar
als falsch erweist. Durch die ständige Wiederholung dieser
Einteilung und Übertragung auf immer neue gesellschaftliche
Bereiche, verfestigt sich diese Einteilung und pflanzt sich immer
weiter als „die Wahrheit“ fort, ohne je wieder hinterfragt
zu werden. Das spricht das Zitat von Hirschauer an. Denken wir uns
an dieser Stelle für einen Moment die Einteilung nach „dem
Geschlecht“ weg, so fallen uns an vielen Stellen die ganz
individuellen Fähigkeiten und Merkmale von Menschen auf...
Queer theory dekonstruiert – offenbart,
hinterfragt und zerstört zum Teil – Einteilungen und
damit verbundene Benachteiligungen von Menschen. Einerseits beim
bereits aufgezeigten Beispiel der gesellschaftlich definierten Zweigeschlechtlichkeit,
darüber hinaus aber überall dort, wo es zu Gruppeneinteilungen
kommt. Also bei der Einteilung in Homo- und Heterosexualität,
in Schwarze und Weiße, Behinderte und Nichtbehinderte... Bei
allen hier aufgeführten binären Paaren, wird neben einer
„Mehrheit“ eine „Minderheit“ erzeugt, die
diskriminiert wird und staatlich verankert diskriminiert werden
darf. Ausgeblendet wird die Verschiedenheit von Menschen innerhalb
der Gruppen und das es auch Überschneidungen zwischen den einzelnen
Gruppen gibt (bspw. eine schwarze, heterosexuelle, behinderte Frau).
Merkmale und Zugehörigkeiten, die ein Mensch für sich
beschreibt, sind vielfältig und individuell.
Queer fasziniert mit der Magie der Offenheit,
Unbestimmtheit und raschen Veränderung. Mit der Ablehnung von
Hierarchien, Abhängigkeitsverhältnissen, Bevorteiligungen
und Benachteiligungen von Menschen stellt queer eine Theorie dar,
die zu einer radikalen Gesellschaftskritik taugt. Gleichzeitig kritisiert
queer theory kollektive Identitäten, wie sie sich aber auch
in jeder linken Gruppe finden, in denen ich Menschen zusammenfinden,
um für bestimmte Anliegen als Gruppe zu agieren.
Queer politics – individuell gemeinsam
handeln?
Mit Politik assoziiert mensch in der Bundesrepublik Deutschland
meist zuerst parlamentarische Arbeit. Könnte die Übertragung
von Bürgerinnenrechten auf bisher Diskriminierte ein Ansatz
von queer politics sein. In dem Buch „Queering Demokratie“
wird für diese Übertragung von (Staats)bürgerinnenrechten
(citizenship) ein Dreistufenmodell vorgeschlagen: 1. Entkriminalisierung
(bspw. durch Abschaffung von Sodomiegesetzen; Abschaffung des §175
1969 in der DDR, 1994 in der BRD), 2. Antidiskriminierungsgesetze,
um Benachteiligungen von Menschen abzubauen und 3. Gleichberechtigung
aller Menschen ermöglichen. Mit der dritten Stufe soll eine
Anerkennung von Menschen verschiedener Identitäten, Sexualitäten,
Lebensweisen, Herkünfte, Hautfarben erreicht werden und vielleicht
auch dazu beigetragen werden, diese Einteilungen abzuschaffen. Grundsätzlich
können damit Rechte erstritten werden, die bei gut gemachten
Gesetzen für von Diskriminierungen Betroffene auch einklagbar
werden. Fraglich ist aber, ob damit der Vielfalt und Individualität
von Menschen und Lebensweisen Rechnung getragen werden kann; Probleme:
Heteronormalisierung
anderer Lebensweisen: Grundsätzliches Problem bei diesem
dreistufigen Ansatz ist, dass ihm das derzeitige Gesetzessystem
zu Grunde liegt. Die gleichen Gesetze haben bisher dazu beigetragen,
Normierungen zu fördern und aufrechtzuerhalten. Auf dieser
Basis führt die Forderung nach „gleichen Rechten“
zur Übertragung dieser Rechte auf andere Lebensweisen. Der
bisherigen Norm nicht entsprechende Lebensweisen werden damit an
eine bisher existierende Normalität angepasst, anders gesagt
„normalisiert“. Dies wird an einem Beispiel vielleicht
deutlicher: Nehmen wir ein Gesetz an, dass es allen Menschen unabhängig
ihrer Herkunft, Sexualität und Lebensweise gestattet, eine
Ehe einzugehen, so bedeutet dies eine Anerkennung, dass die Ehe
als Instrument notwendig ist und das sie zudem gut ist. Das Grundanliegen
der Ehe, Zweigeschlechtlichkeit und Monogamie zu befördern,
wird nicht angegriffen. Ignoriert werden die historische Herkunft
und die Anmaßung von christlich-kirchlichen oder staatlichen
Institutionen, die Lebensweise von Menschen festhalten und kartieren
zu wollen.
Festschreiben
von Differenzen: Die Eingetragene Lebenspartnerschaft will
auf dem Weg der Gleichstellung einen Schritt gehen. Lesben und Schwulen
werden darin aber nicht die vollen Rechte wie heterosexuellen ehelichen
Paargemeinschaften zugestanden. Gesetzlich festgeschrieben wird,
dass Lesben und Schwule Menschen zweiter Klasse sind. Letztlich
wird damit, erstmals seit der Abschaffung des §175, wieder
„Gleichgeschlechtlichkeit“ gesetzlich verankert. Aus
der Erfahrung der Schwerfälligkeit von Gesetzen werden „Zweigeschlechtlichkeit“,
„Hetero- und Homosexualität“ für lange Zeit
als notwendige Unterscheidungskriterien geschaffen und festgehalten
(siehe auch den Abschnitt: Definition und Zuweisung als Mittel der
Ausgrenzung und Unterdrückung). Gleiches gilt für das
Transsexuellengesetz, dass einerseits derzeit notwendig ist, um
eine Geschlechtsangleichung gesetzlich abzusichern (ggf. Finanzierung,
Personenstandsänderung...), andererseits aber auch „Transsexuelle“
in einer Zweigeschlechtlichkeit als Kategorie festschreibt, „Transsexuelle“
damit stigmatisiert und Zweigeschlechtlichkeit festigt.
Gesetze sind
in ihrer Leistungsfähigkeit beschränkt: Rechte
für Minderheiten nach heutigem Verständnis basieren überwiegend
auf gesetzlichen Regelungen. Gesetze können einen Rahmen schaffen,
der elementare Rechte von Menschen sichert und ein gesellschaftliches
Zusammenleben ermöglicht. Wichtig ist bei gesetzlichen Rahmenbedingungen,
dass auch eine gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber diesen
Regelungen besteht. Ohne breite Diskussion und ohne konkrete Aufklärungsprogramme
und regionale Maßnahmen bleibt die Wirkung von Gesetzen beschränkt.
Wie oben bereits ausgeführt, schaffen Gesetze auch neue Ausschlüsse,
da sie „Minderheiten“ definieren und für lange
Zeit festschreiben. Vermeidet mensch eine solche positive oder negative
Festschreibung von Subjekten können Gesetze, verbunden mit
einer intensiven gesellschaftlichen Aktivität, auch Intoleranz
und gesellschaftliche Normierungen aufbrechen helfen.
Migrantinnen
werden ausgeschlossen: Die derzeitige EU-europäische
Politik zeigt einen massiven Ausschluss von Einwanderungen von Menschen
aus nicht EU-europäischen Ländern. Migrantinnen sollen
bereits vor den Grenzen der Europäischen Union abgefangen und
in die Herkunftsländer zurückgeschickt werden. Unabhängig
der Bedrohung von Leib und Leben werden bereits in die EU eingewanderte
Menschen abgeschoben. Die Zuweisung von Bürgerinnenrechten
ignoriert diese Problematik, da Bürgerinnenrechte nur Staatsbürgerinnen
betreffen und bspw. Migrantinnen ausgeschlossen bleiben. Normierungen,
diesmal vielleicht hin zu einer weißen „pluralistischen“
Gesellschaft, werden geduldet und verfestigt. In den „Auffanglagern“
vor der EU-Europäischen „Insel der Glücksseligen“
(bspw. in Nordafrika) gelten nicht einmal die bereits sehr mäßigen
Rechte, die Asylbewerberinnen und Flüchtlinge derzeit in Ländern
der Europäischen Union besitzen, Restriktionen und Übergriffe
werden weiter verstärkt.
Kein Platz
für „Unschönheit“: Doch auch auf dieser
gedachten „Insel der Glücksseligen“ werden neue
Ausschlüsse produziert. Abgesehen von Restriktionen, die gegenüber
Menschen nicht-weißer Hautfarbe oder sichtbar nicht-christlicher
kultureller Herkunft zur Umsetzung restriktiver Abschiebepolitik
geübt werden, zielt derzeitige Bürgerinnenrechtspolitik
auf die Installation einer „schönen“, „sauberen“
Umgebung und Gesellschaft. Die Auswirkungen lassen sich bereits
jetzt in ehemals grünen Vorzeigestädten, wie Göttingen,
Freiburg oder Oldenburg erkennen. Obdachlose, Prostituierte, Stricherinnen,
Fixerinnen und Freierinnen stören das Image einer neuen, toleranten
Gesellschaft und werden an nicht-öffentliche Orte verbannt.
Gesamtgesellschaftlicher
Abbau von Bürgerinnenrechten: Nicht zuletzt muss bei
der Übertragung von Bürgerinnenrechten berücksichtigt
werden, dass derzeit ein massiver Rückbau von Bürgerinnenrechten
in der Bundesrepublik Deutschland stattfindet. Agenda 2010 und Hartz-Gesetze
führen zum gesellschaftlichen Ausschluss finanziell Benachteiligter.
Mit diesen „Reformen“ geht eine Einschränkung der
Berufsfreiheit, Chancengleichheit und der Möglichkeiten auf
gesellschaftliche Teilhabe einher. Abhängigkeiten in „Bedarfsgemeinschaften“
werden neu geschaffen und verstärkt. An anderer Stelle, und
diesmal alle betreffend, werden im Namen der Terrorismusbekämpfung
und der Bekämpfung des Rechtsextremismus Privatsphäre
und elementare demokratische Rechte eingeschränkt. Videoüberwachung
wird eingeführt, die nach dem Zweiten Weltkrieg installierte
Trennung von Polizei und Bundesgrenzschutz wird aufgehoben, Rasterfahndung
und das Abhören von Telefonaten (auch ohne richterliche Anordnung)
werden ermöglicht... Letztlich werden insbesondere Menschen,
die sich in irgendwelchen Merkmalen von der gesellschaftlichen Masse
abheben, zuerst von Überwachungen und Verfolgungen betroffen.
Ein auf Bürgerinnenrechte ausgelegter
Ansatz für Queer politics muss all diese Punkte (und sicherlich
einige mehr) berücksichtigen, um nicht eine entgegengesetzte
Entwicklung zu erreichen. Letztlich muss ein so gesellschaftlich
geschaffener Konsens immer wieder aufgelöst und neu gebildet
werden, um Verfestigungen und neue Ausschlüsse von Menschen
zu verhindern. Ob dies mit Gesetzen möglich ist und ob dies
in Mehrheits-Minderheits-Systemen möglich ist, ist eine weitere
Frage, deren abschließende Beurteilung mir nicht möglich
ist.
Viva la alternativa
Alternativ zu diesem Ansatz der Übertragung von etablierten
Rechten auf bisher diskriminierte Menschen, stehen Konzepte, die
zunächst derzeitige Regelungen, Gesetze und Normierungen hinterfragen
und ggf. auflösen wollen. Ein alternatives Gesellschaftsmodell
muss die Abwägung zwischen Individualität und der Selbstdefinition
jeder Einzelnen gewährleisten und gleichzeitig das Zusammenleben
von vielen Menschen in begrenzten Räumen ermöglichen.
Bisher greift eine gesellschaftliche Definitionsmacht sehr weit
in individuelle Selbstbestimmungen ein. Ein Beispiel ist die Zuweisung
von Geschlecht. Sobald ein Mensch auf die Straße tritt, wird
er als „Mann“ oder „Frau“ wahrgenommen.
Das tragen „gegengeschlechtlicher“ Kleidung oder die
Unmöglichkeit, sich einem der beiden Geschlechter deutlich
zuordnen zu können, führt zu besonderer Aufmerksamkeit
und ggf. Diskriminierung des betroffenen Menschen durch die umgebenden
Menschen. Aber „betroffen“ ist eigentlich der falsche
Ausdruck. Der Mensch wird betroffen gemacht. Wozu ist es denn überhaupt
dienlich, dass einem Menschen direkt vor der Tür ein Geschlecht
zugewiesen wird? Im Umgang mit den meisten Menschen spielt das Geschlecht
keine Rolle. Höchstens bei Liebe und Sexualität wird gemeinhin
eine wichtige Bedeutung von Geschlecht festgemacht. Aber auch da
haben uns feministische und queere Wissenschaften besseres gelehrt.
Sie haben die Kopplung von Geschlecht, Sexualität und Fortpflanzung
als heteronormative Machtmechanismen demaskiert, mit denen Sexualität
auf Reproduktion eingeschränkt wird.
Über die Diskreditierung des Geschlechts
als Kategorie hinausgehend, lassen sich weitere derzeit als notwendig
betrachtete Institutionen und Unterscheidungen in Frage stellen.
Wozu ist es dienlich Ehen durchzuführen (und vor allem zu fördern)?
Warum wird zwischen homo- und heterosexuell unterschieden? (...oder
wie Moby es ausdrückt: „Ich verliebe mich in einen Menschen,
nicht in dessen Geschlecht.“) Warum wird in Arbeit und Freizeit
unterschieden? Warum haben Menschen auf Grund ihrer Herkunft unterschiedliche
Rechte? Diese Aufzählung lässt sich unendlich fortsetzen
und verdeutlicht Kategorisierungen und Benachteiligungen, die abgeschafft
gehören.
Geht das Abschaffen dieser Kategorien in der
derzeitigen Gesellschaft? Aus meiner Sicht nicht. Möglichkeiten
radikaler Demokratie und der Dezentralisierung von Entscheidungen
können auf dieses Ziel zuführen, letztlich bestehen aber
Interessen von Menschen, die Privilegien genießen und diese
für sich erhalten wollen. Gemeint sind hier jetzt nicht die
„bösen Reichen“, sondern auch Männer, Frauen,
Heterosexuelle, Homosexuelle, Weiße, Noch-Erwerbsarbeitende,
Fernseherbesitzerinnen... Ein kleiner Vorteil gegenüber Anderen
wird zur Steigerung des eigenen Selbstwertes und zur Abwertung anderer
Menschen genutzt. Bezeichnend und hinlänglich bekannt sind
die patriarchale Selbstüberhöhung des Mannes, die Abwertung
Nicht-Erwerbsarbeitender als „Sozialschmarotzer“ und
die Diskriminierung von Dicken, Tunten, HIV-Infizierten und Migrantinnen
in lesbischen und schwulen Zusammenhängen.
In einem langen Prozess muss die Notwendigkeit
der Selbstidentifikation in Abgrenzung zu Anderen, einer Selbstbestimmung
und Selbstbestimmungshoheit weichen, die jeder Mensch für sich
selbst hat. Ein Anfang ist die Abschaffung von Kategorien und Normen,
die Andere über Dich oder mich treffen dürfen. Ein weiterer
Anfang besteht in der Entscheidungsfindung auf lokalen Ebenen, so
dass alle sich an Entscheidungsfindungen beteiligen können.
Durch Konsensentscheidungen, bzw. das Aufteilen von Entscheidungen
in kleine Einzelfragen, bei denen es für den einzelnen Menschen
nicht sonderlich störend ist, wenn er auch mal zur „unterlegenen
Minderheit“ gehört, kann ein starres Mehrheits-Minderheits-Modell
aufgebrochen werden. Einmal getroffene Entscheidungen dürfen
nicht für ewig ausgelegt sein, sondern müssen immer wieder
aufgelöst und neudiskutiert werden. Damit kann ein gesellschaftlicher
Minimalkonsens, der für ein Zusammenleben von Menschen notwendig
ist, mit breiter Beteiligung geschaffen und immer wieder aufgelöst
werden, so dass keine Verhärtungen und neuen Ausschlüsse
entstehen.
Dieser Text soll keine Antworten geben, sondern
Fragen aufwerfen, Alternativlosigkeiten in Frage stellen und Diskussionen
befördern. Eröffnend möchte ich dazu nicht wie sonst
üblich auf ein Sachbuch, sondern auf den Social-fiction-Roman
„Planet der Habenichtse“ (U.K. Le Guin, München,
1976) verweisen, ein Buch, in dem eine Möglichkeit und viele
kritische Punkte einer alternativen Gesellschaft unterhaltsam und
gut lesbar beschrieben werden.
* „Queer Nation“ ist nicht zu
verwechseln mit der „Initiative Queer Nations“ aus Berlin,
die durch eine nationalistische Positionierung auffällt. (Infos
zum kritischen Lesen sende ich gerne zu, mail an: kuschelmaus[at]schwule-seite.de)
Empfohlene Literatur:
A. Jagose: Queer Theory
– Eine Einführung. Berlin, 2001.
quaestio (Hrsg.): Queering
Demokratie [sexuelle Politiken]. Querverlag Berlin, 2000.
„Queer Read This, I Hate
Straights”. veröffentlicht in dem Manifest der
Gruppe “Queer Nation”, 1990; in leicht veränderter
Fassung u.a. unter: http://www.jessanderson.org/doc/qnation.html
(Stand: Oktober 2008)
|