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Der nachfolgende
Vortrag ist veröffentlicht in: H.-J. Voss (2004): Queer
zwischen kritischer Theorie und Praxisrelevanz; in: H. Hertzfeldt,
K. Schäfgen, S. Veth (Hrsg.): Geschlechter Verhältnisse
- Analysen aus Wissenschaft, Politik und Praxis. Dietz Verlag, Berlin
(Download
als pdf-Datei).
Queer
zwischen kritischer Theorie und Praxisrelevanz
von Heinz-Jürgen Voß
„Sehr geehrte Damen und Herren“
ist ein Anfang, wie er bei nahezu jeder Rede und beinahe jedem Anschreiben
gebraucht wird. Schon in dieser Begrüßungsformel wird
deutlich, wie binär unser Alltagsleben aufgebaut ist, wie wenig
Platz Menschen darin finden, die nicht dem gesellschaftskonformen
Schema entsprechen. Nur zu oft greifen auch Menschen darauf zurück,
die es eigentlich besser wissen müssten, Menschen, die schon
seit langem in gender oder queeren Zusammenhängen aktiv sind.
Ich möchte Dich mit diesem Text zu einem queeren Diskurs einladen,
zu einer radikalen Kritik der normativen Zweigeschlechtlichkeit,
wie sie die queer-Theorie offen darlegt (1. Abschnitt), und darüber
hinaus zu einer kritischen Betrachtung theoretischer queer-Konzepte
in Bezug auf ihre Praxisrelevanz (2. Abschnitt). Schließen
möchte ich mit einer Vision einer verqueeren Gesellschaft.
(1)
Queer?
Ein historischer Abriss
Aus dem Englischsprachigen kommend, stand und steht queer als Schimpfwort
für Homosexuelle. Übersetzt bedeutet es soviel wie „seltsam“
oder „merkwürdig“, im Sprachgebrauch erhält
es eher eine mit „Schlampe“ oder „Arschficker“
vergleichbare Bedeutung. Historisch entstammt queer der schwulen
Subkultur und wurde in den USA bereits 1930 als eine Vorform von
„gay“ genutzt. (2) Zunächst schon als überkommener
Begriff angenommen, wurde queer durch Queer Nations in den 1980er
Jahren selbstbewusst aufgegriffen und erfuhr eine Umdeutung, hin
zu einem übergreifenden Ausdruck, der alle Menschen unabhängig
von ihrer Identität und Lebensweise einschließen soll.
Damit stellte queer zumindest in der wissenschaftlichen Fachsprache
explizit einen Gegensatz zu gay oder lesbian dar. Queer Nations
entwickelte sich als loser Zusammenschluss verschiedener Gruppen
und baute auf die vorangegangene Act up-Bewegung auf, die sich zunächst
aus HIV-infizierten und aidskranken Schwulen zusammensetzte und
mit provokanten öffentlichen Aktionen auf die Situation aus
der Gesellschaft Ausgegrenzter aufmerksam machte. Rasch entstand
eine Sammelbewegung, die auch Kritik an der lesbischen und schwulen
Community übte, die den weißen mittelständischen
Mainstream angriff (und angreift) und Lesben und Schwule anderer
Ethnien, Tunten, Trans*en, SMlerinnen, Prostituierte, Menschen der
„Unterschicht“ in den Blickpunkt der (lesBiSchwulen)
Öffentlichkeit rückte. Queer entwickelte sich zu einer
Bewegung, in der sich alle diejenigen zusammenfanden, die von der
Gesellschaft zu Außenseiterinnen gemacht wurden. (3) Allein
die Begrifflichkeit verlieh queer dabei schon einen kämpferischen
Charakter, der in öffentlichen Aktionen untermauert wurde.
Mit dem Kampf auf der Straße begannen sich in den 90er Jahren
Theorien zu entwickeln, die Unterdrückungs- und Abhängigkeitsverhältnisse
aufzeigen wollten und begannen, die HERRschende binäre Ordnung
zu hinterfragen. Patriarchat, Heteronormativität und Zweigeschlechtlichkeit
wurden in Tradition zu radikaler feministischer Theorie als Unterdrückungsverhältnisse
ausgemacht, hinterfragt und Lösungsvorschläge aufgezeigt.
Konzept Uneindeutigkeit
Kein Geschlecht oder viele. So ein Leitsatz der queer Theorien.
Zweigeschlechtlichkeit wird als gesellschaftliches Konstrukt offenbart,
dass zudem erst im 19. Jahrhundert in dieser Form entstanden ist.
Zuvor gab es eine Unterscheidung „vollkommener“ und
„unvollkommener“ Körper, mit der jedoch nicht der
Aspekt der Unterordnung verknüpft war. Ebenso bildete sich
auch erst Mitte des 19. Jahrhunderts eine Definition von Homosexualität
heraus. In frühen Diskussionen der 1970/80er Jahre suchten
feministische Theorien, sex als biologisch festgelegtes Geschlecht
und gender als Geschlechtsidentität voneinander zu trennen.
Damit wollten sie aufzuzeigen, dass Geschlechtsidentität unabhängig
von einer biologischen Bestimmtheit existiert, dass sex also nicht
genutzt werden darf, um Rollenverhalten und Benachteiligungen abzuleiten.
Diese Strategie ist problematisch, zementiert sie doch die Zweigeschlechterordnung
als biologisch begründet und räumt Menschen, die einem
dieser Geschlechter nicht entsprechen oder entsprechen wollen, keine
Existenzberechtigung ein. Judith Butler argumentiert gegen diese
Aufsplittung und zeigt auch sex als gesellschaftlich konstruiert
auf. (4)
Schon in der Erziehung wird jungen Menschen
vermittelt, wie „Mann“ und „Frau“ aussehen,
welche biologischen Merkmale sie haben und welche gesellschaftlichen
Rollen sich daraus herleiten. Medien, Einkaufsverhalten, umgebende
Gesellschaft tun ein Übriges, um Uneindeutigkeiten zu reglementieren
bzw. auszuschließen. Es schickt sich nicht, wenn „Jungen“
mit Puppen oder „Mädchen“ mit Autos spielen. Beim
Einkauf muss Wäsche scharf getrennt sein, als „Mann“
oder als „Frau“ könnte man sonst Kleidungsstücke
kaufen, die nicht dem „Geschlecht“ entsprechend sind.
Werbung verkauft Produkte für „Männer“ oder
„Frauen“. Nicht zuletzt zeigt auch die Toilettennutzung
klar, was man ist, bzw. viel deutlicher, was nicht. Paradoxerweise
gilt das Toilettenbeispiel nicht bei behinderten Menschen. Diese
passen auf Grund ihrer Behinderung nicht in das genormte Bild, so
dass ihnen selbst von einer konsequent binären Gesellschaft
„Geschlecht“ und Sexualität abgesprochen wird.
Diese erlernte Wahrnehmung wirkt zeit Lebens fort und erschwert
einen unvoreingenommenen Umgang mit anderen Menschen. Man lernt,
so lange man sich innerhalb einer weißen, gutsituierten Zweigeschlechtlichkeit
bewegt, kann man gleichberechtigt an allen Formen des gesellschaftlichen
Lebens teilhaben. Je nach Intensität der Abweichung nimmt auch
der Grad der Akzeptanz und gesellschaftlichen Teilhabe ab.
Normen der Gesellschaft spiegeln sich auch
im Umgang mit der sexuellen Orientierung wieder. Alles was nicht-weiß
und nicht-heterosexuell ist, hat keinen Platz oder muss sich diesen
erst erstreiten, immer der Gefahr ausgesetzt, schon bei kleinen
Änderungen der politischen Lage wieder – oder verstärkt
– Diskriminierungen ausgesetzt zu sein. Mit Sondergesetzen
soll eine rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen erreicht werden.
Neben dem unübersehbaren Schluss, dass Sondergesetze immer
auf Diskriminierungen fußen (sonst könnten ja die gleichen
Rechte zugestanden werden), muss auch beleuchtet werden, dass unsere
gesamte Gesellschaft auf Heterosexualität orientiert. Es fängt
an bei der Ehe und dem Ehegattensplitting und endet nicht bei der
Bildungspolitik, Medien- und Werbebranche, die durch eine Fixiertheit
auf heterosexuelles Publikum (5) einen verstärkten Druck auf
Menschen, die nicht so l(i)eben, ausüben. Dabei bildet, das
sei hier auch kurz angeschnitten, die Linke keinerlei positive Ausnahme,
wie die Erfahrungen mit der Exillinken während des Nationalsozialismus
(6) und im realexistierenden Sozialismus (7) zeigen. Auch in anarchistischen
Ideen wird freie Liebe als freie Liebe des Mannes verstanden. (Hetero)sexismus
ist auch hier ein entscheidendes Machtelement. (8)
Queer Theorien wollen Unterdrückungs-
und Abhängigkeitsverhältnisse aufbrechen und jedem Menschen
ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Dabei muss einerseits
auf feministische Theorien zurückgegriffen werden, um patriarchale
Macht- und Herrschaftsverhältnisse deutlich zu machen und aufzulösen.
Andererseits ist queer gefordert, über radikalen Feminismus
hinauszugehen, um Auswirkungen von Zweigeschlechtlichkeit, das Herausbilden
kollektiver Identitäten, die Einteilung in Mehrheiten und Minderheiten
und die Stilisierung „des Anderen“ anzugreifen. Bei
allen Bestrebungen von queer muss hinterfragt werden, ob es nicht
selbst neue Kategorien und Grenzen aufbaut oder zu einer Art allwissenden
Institution wird, wozu kleine elitäre Grüppchen leicht
neigen, wenn sie im eigenen Saft schmoren. (9)
Die Straße
Fangen wir einfach noch einmal neu an. Queer: „[engl.] eigenartig,
komisch, seltsam, kauzig, verdächtig; umg. unwohl; umg. schwul“
(10) Wir wehren uns zu Recht vehement gegen eine Definition des
Begriffes queer, der eine Einschränkung auf „schwul“
erfährt. In Wörterbüchern ist queer aber genau so
belegt. Viele Menschen haben den Begriff dagegen noch nie gehört
und halten das zweite „e“ für einen Rechtschreibfehler.
Die neue Funsprache definiert gar queer-Partys, z.T. mit dem Nachsatz
„boys only“. Queer stellt hier eine Umschreibung für
schwule House-, Techno- oder auch Alternativmusik dar. Queer-Theoretikerinnen
versuchen nichts desto trotz ihre Definition des Begriffes queer,
für alle (nicht nur) von der Norm abweichende Lebensweisen,
aufrecht zu erhalten.
Dies ist nur ein Beispiel, offenbart aber
sehr deutlich die Diskrepanz zwischen eigenem Anspruch und der Vermittelbarkeit
der Inhalte. Der Begriff Queer bewegt sich heute im Spannungsfeld
zwischen schlichter Unkenntnis, Modewort und ernsthafter Theorie.
Auf der Straße ist man der Herausforderung ausgesetzt, Menschen
erst einmal erklären zu müssen, dass es auch Lesben und
Schwule gibt und die auch gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben
möchten. Von Lebensweisenkonzepten oder gar von der Dekonstruktion
von Geschlecht reden zu wollen, schafft im besten Falle Verwirrung
und Desinteresse. Ähnliches gilt selbst für die lesbisch-schwule
Community. Dort muss man beinahe froh sein, wenn Lesben und Schwule
noch bemerken, dass sie immer noch in wesentlichen Punkten benachteiligt
werden. Nach der Einführung der Eingetragenen Lebenspartnerschaft
hat die Sensibilität hierfür stark abgenommen. In Berlin,
Leipzig oder Köln sind Diskriminierungen in den letzten Jahren
und Jahrzehnten zurückgegangen und ist auch die Sensibilität
der Bevölkerung und der lesBiSchwulen Community weitaus größer
als in kleineren Städten und Gemeinden. Aber auch in diesen
Großstädten ist die, sich selbst als queer bezeichnende,
Szene rassistisch und intolerant. Um Chancen auf mehr als einen
one-night-stand zu haben, muss man – wie gehabt – weiß
und möglichst gut situiert sein (oder Abhängigkeiten bewusst
in Kauf nehmen) und körperlich dem Ideal entsprechen. Migrantinnen,
Tunten, Trans*en, Menschen mit BBB (Brille Bart Bauch) haben keine
Chancen. „Lesben“ stehen „Schwulen“ dabei
in nichts nach. Auch hier existiert Intoleranz gegenüber Migrantinnen,
begegnen sich Butches und Femmes mit Argwohn oder werden Trans*en
ausgegrenzt.
Queer ist langweilig geworden. In dem Flugblattmanifest
„Queers Read This! I Hate Straights“ heißt es:
„An Army of Lovers Cannot Lose [...] Being queer means leading
a different sort of life. It's not about the mainstream, profit
margins, patriotism, patriarchy or being assimilated. It's not about
executive directors, privilege and elitism. It's about being on
the margins, defining ourselves; it's about gender-fuck and secrets,
what's beneath the belt and deep inside the heart; it's about the
night. Being queer is "grass roots" because we know that
everyone of us, every body, every cunt, every heart and ass and
dick, is a world of pleasure waiting to be explored. Every one of
us is a world of infinite possibility.” (11) Von einer radikalen
Bewegung hat sich queer weit entfernt. Queer ist auf Konferenzen
verbannt worden, wo die Theorie weiter ausgefeilt wird, während
konservative Bewegungen dabei sind, queer von den Seiten her wegzufressen
und mit einem Sinn zu erfüllen, der nicht mehr zu einer radikalen
Opposition fähig und willens ist. (12) Damit kann nicht allein
die Begrifflichkeit gemeint sein, die vornehmlich durch eine weiße,
gut gebaute, gesunde, schwule Community umgedeutet wird. Kleine
elitäre Konferenzen tragen ebenfalls dazu bei, dass der Begriff
mehr und mehr Offenheit verliert und sich damit zu einer Art selbsterhaltender
Institution entwickelt. Queersein ist mehr als problematisch, schafft
es doch wieder eine Gemeinschaft mit Grenzen zu jenen, die nicht
dazu gehören. Schon in ihrem Buch „Körper von Gewicht“
plädiert Judith Butler dafür, die Offenheit des Queer-Begriffes
zu erhalten. (13) Queer eingrenzen heißt, es der Offenheit
und Differenz zu berauben, die es zum Atmen braucht. Um Bewegung
zu werden und damit auch im Sinne von queer zu agieren, ist es unumgänglich,
Unterstützerinnen außerhalb bestehender Diskussionskulturen
zu suchen, mit ihnen Gespräch und sehr wohl auch Streit zu
beginnen und damit eigene intellektuelle und praktische Begrenztheit
immer wieder zu problematisieren.
Queere Praktiken und Politiken
Queer vorleben
Queer ist nichts, was man sein kann, man kann nur selber sein und
Diskriminierungen und Herrschaften radikal thematisieren. Praxisnah
und erfahrbar wird bisherige queer-Theorie, indem Menschen Offenheit
in Denk- und Lebensweise leben und bisherige gesellschaftliche Kompromisse
und gesetzliche Regelungen auf Offenheit überprüfen und
hinterfragen. Macht und Herrschaftsstrukturen, Hierarchien in allen
Ebenen stehen einer solchen Offenheit im Wege. Von Geburt an werden
diese Herrschaftsverhältnisse in „neuen Menschen“
reproduziert. Insofern müssen Herrschaften konsequent angegriffen
werden. Gleichzeitig muss man eigene Ansätze und Herangehensweisen
hinterfragen und Verkrustungen auflösen, sich also nicht als
„Nabel der Welt“ begreifen und streitbar bleiben.
Bewusst muss sein, dass es für Menschen
schwierig ist, Dekonstruktion von Geschlecht nachzuvollziehen, wenn
man sich selbst als Lesbe oder Schwuler versteht. Einmal überdenken
sollte man den Umgang mit Menschen verschiedener Identitäten
und Lebensweisen, wie man bspw. auf verschiedene Menschen zugeht
und wie man eigene Sexualpartnerinnen auswählt. Bei beidem
erliegen viele einem Drang zu Benachteiligung und Diskriminierung,
allein auf Grund unterstellter Körperlichkeiten oder Verhaltensweisen.
Praxisrelevant ist dies allemal und dürfte auch in vielen Diskussionen
angesprochen werden. Neben Ansätzen zur Änderung des eigenen
Verhaltens und Verständnisses ist es hier aber auch möglich,
den Unterschied zwischen vertretener Theorie und eigenem Lebenskonzept
deutlich zu machen, die durchaus – nicht nur durch herrschende
gesellschaftliche Konventionen – voneinander abweichen können.
Lässt man diese Problematik bei Erklärungen großzügig
aus, läuft man Gefahr, unglaubwürdig zu werden oder queer
als nicht umsetzbare Theorie zu vermitteln. Durch ein Herausarbeiten
wesentlicher Bestandteile des queer-Konzeptes, wie der Herrschaftskritik,
der Kritik an Zweigeschlechterordnung und der Heteronormativität
und der kritischen Reflektion der eigenen Lebenswirklichkeit wird
es auch für Menschen, die sich bislang nicht mit queer beschäftigt
haben, möglich, queere Ansätze und ihre Praxisrelevanz
nachzuvollziehen. Aus meiner politischen Erfahrung ist dabei darauf
zu achten, dass man in eigenen Diskussionsfäden nicht beginnt,
queer als Sammelsurium verschiedener Sexualitäten oder als
Problemkreis Ausgegrenzter darzustellen, sondern als Diskussionsangebot,
dass jede betrifft. So fällt es auch leichter, Bündnispartnerinnen
für die weitere Arbeit zu gewinnen, da diese in allen gesellschaftlichen
Bereichen zu finden sind.
Auffallen, erklären und diskutieren,
ist eine Herangehensweise. Werkzeuge kann man sich dabei auf allen
Ebenen suchen. Ob nun die verwendete weibliche Bezeichnung in einer
patriarchal geprägten Sprachkultur oder eine nicht-gesellschaftskonforme
Toilettennutzung, letztlich sorgen sie für Aufmerksamkeit,
Interesse und Unverständnis. In anschließenden Diskussionen
kann die Gesellschaft als patriarchal, zweigeschlechtlich und heteronormativ
enttarnt und die Auswirkungen auf Menschen, die sich nicht einpassen
wollen oder können, deutlich gemacht werden.
ALLES verqueeren
Ein grundsätzlicher Ansatz kann sein, alles auf Queerness zu
hinterfragen, sprich alles zu verqueeren. Ein kleines aber nachvollziehbares
Beispiel sind Schulprojekte. Neben positiven Effekten zur Förderung
von Toleranz und Akzeptanz gegenüber Lesben und Schwulen, stützen
sie in der praktischen Arbeit die herrschende Geschlechterordnung
und -hierarchie. Lesben und Schwulen werden (vielleicht) Plätze
in der Sonne der „Mehrheit“ eingeräumt, Ausgrenzungen
gegenüber anderen Menschen jedoch nicht thematisiert. Es wird
das Denken in „Minderheiten“ und „Mehrheiten“
zementiert, dass ein „normal“ zur Grundlage hat. Natürlich
sind solche Unterrichtsstunden sinnvoll und wichtig, gleichzeitig
muss darüber nachgedacht werden, wie negative Wirkungen ausbleiben
oder minimiert werden können. Grundlegender Ausweg ist eine
umfassende Reform der Sexualpädagogik, in der Wirkungen von
Sexualität, Geschlecht, Normativität und Identität
diskutiert werden. Aber auch Schulprojekte können ihre Arbeitsweise
und die Auswahl von Spielen insofern verändern, dass die Einteilung
in Jungen und Mädchen und die Zuweisung spezifischer Rollen
hinterfragt werden. Mehr ist in wenigen Stunden sicherlich nicht
umsetzbar. Jeder Mensch kann im eigenen Umfeld beginnen, Herrschaftsverhältnisse
zu thematisieren, sei es in Beziehungsverhältnissen, in Arbeitsverhältnissen
oder bei der Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen. Wichtig erscheint
mir die Erkenntnis, dass jeder Mensch diskriminiert wird und selbst
diskriminiert. Betroffen von Diskriminierungen sind Menschen anderer
sozialer und/oder kultureller Herkunft, anderer Religion, anderen
„Geschlechts“, anderer Identität, Menschen mit
Behinderung. Dabei steht immer das „anders als ich“
im Mittelpunkt bewusster oder unbewusster, psychischer oder physischer
Benachteiligung und/oder Gewalt. Eigene Diskriminierungen offenzulegen
und abzustellen und Bereiche, in denen man selber diskriminiert
wird, offen zu benennen, ermöglichen eine queere Leb- und Erfahrbarkeit.
Erfahrungen aus dem eigenen sozialen Umfeld können dann in
einer Kritik gesellschaftlicher Zusammenhänge münden.
Auswirkungen von Legislative, Exekutive und Judikative können
untersucht, Arbeitskritiken erarbeitet oder das Militär als
Gewalt in der Gesellschaft erhaltend und befördernd, dargestellt
werden. Da wo Herrschaft, „Geschlecht“ und Identität
Schnittpunkte bilden, liegen Angriffspunkte für queere Theorien.
Vorreiterinnen und Bündnispartnerinnen können radikale
feministische Bewegungen sein, was auch die Möglichkeit bietet,
der Marginalisierung von Feminismus in der Queer-Theorie entgegenzuwirken
und damit von einem schwulen Image wegzukommen. (14) Nicht zuletzt
kann durch eine starke Öffentlichkeit für einen umfassenden,
offenen, herrschafts- und geschlechtskritischen queer-Begriff einer
Tradierung des Begriffes durch konservative Kräfte entgegengewirkt
werden.
Queere Politiken
Alles verqueeren, muss es auch in einem „Rechtsstaat“
heißen, um zumindest Diskriminierungen und Hierarchien zu
minimieren. Gender mainstreaming und Management diversity benennen
Möglichkeiten, wie Benachteiligungen aufgezeigt und abgebaut
werden können. Leider vergessen sie dabei häufig eine
Herrschafts- und Normenkritik, so dass sie Gefahr laufen, zu einem
Handlanger einer Ordnung zu werden, die Menschen als individualisiertes
Humankapital begreift oder traditionelle Familienbilder befördert.
Auch Unternehmen erkennen zunehmend, dass Mitarbeiterinnen, die
nicht diskriminiert werden oder sonstigem psychischen Stress ausgesetzt
sind, leistungsfähiger sind. Sie präferieren individualisierte,
flexible Mitarbeiterinnen, die keine sozialen Verpflichtungen haben
und bei denen insofern bspw. das Geschlecht (hier ist das binäre
gemeint) keinerlei Rolle mehr spielt. Alternativ ist ein traditionelles
Familienbild (durchaus unter Einbeziehung von Lesben und Schwulen)
möglich, bei denen soziale Verantwortung in regulierbare Bahnen
gelenkt wird. Queere Theorie steht einer solchen Entwicklung durch
radikale Forderungen entgegen, solange sie Grundlagen der patriarchalen
Gesellschaftsformen in Frage stellt.
In der Familienpolitik hat die PDS-Bundestagsfraktion
2002 Grundzüge vorgelegt, die die traditionelle Familienpolitik
in Frage stellt. Nicht mehr Mann, Frau, Kinder oder Frau, Frau,
Kinder, sondern die freie Wählbarkeit der Familie bestimmen
das Konzept. „Familie ist da wo Nähe ist“ lautet
somit auch der Leitspruch der AG queer der PDS. Jeder Mensch soll
selber bestimmen, wer zur eigenen Familie gehört und dies unproblematisch
dem Staat zur Kenntnis geben können, wenn sie denn will. Blutsverwandtschaft,
Bevorzugungen von Ehe und Eingetragener Lebenspartnerschaft (und
ihrer Abhängigkeiten) haben ausgedient. Alle Lebensweisen sollen
gleichberechtigt sein, Vergünstigungen an soziale Verantwortungen
gegenüber anderen Menschen (seien es bspw. Kinder oder Pflegebedürftige)
gebunden werden. Abhängigkeitsverhältnisse sollen abgebaut
und vermieden werden. (15) Die Politik ist aufgefordert, sich der
Lebenswirklichkeit anzupassen und Hemmnisse zu entfernen, Menschen
leben hier (16) ohnehin wie sie wollen. Was in der Familienpolitik
anfängt, muss in anderen Bereichen fortgesetzt werden. Alle
rechtlichen Vorschriften sind darauf zu untersuchen, ob sie Benachteiligungen
oder Diskriminierungen direkt oder indirekt voraussetzen oder fördern.
In diesem Sinne ist die Rechtswirklichkeit in vielen Bereichen an
bestehende Lebensrealitäten anzupassen. Identitäten dürfen
nicht mehr behindert werden, auch eine freie Wahl von körperlichen
Merkmalen muss selbstbestimmt möglich und durch Krankenkassen
voll gedeckt werden. Die Geschlechtsbezeichnung in Ausweisen ist
zu entfernen, die Abfrage des Geschlechts und des Familienstandes
in amtlichen und nichtamtlichen Fragebögen zu streichen, Prostitution
als Gewerbe anzuerkennen, unterschiedliche Möglichkeiten beim
Zugang zu Bildung anzugleichen, alle öffentlichen und nichtöffentlichen
Bauten mit behindertengerechten Zugängen zu versehen, eine
soziale Grundsicherung einzuführen, die auch den Zugang zu
Kultur ermöglicht, die Trennung von christlicher Kirche und
Staat vollständig zu vollziehen, „Migrantinnen“
und „Hiergeborene“ rechtlich nicht mehr zu unterscheiden...,
um nur einige Ansatzpunkte zu nennen.
Letztlich bleiben benannte Ansätze reale
Politiken, die versuchen, Hierarchieebenen eines Staates abzubauen.
Der Staat an sich, Polizei, Grenzschutz und Militär, Kapitalismus,
real existierender Sozialismus, Patriarchat... stellen Hierarchieformen
dar, die selbsterhaltend wirken. Sie stehen einer freien Entfaltung
des Individuums im Wege und werden durch die beschriebenen rechtlichen
Änderungen nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden.
Eine radikale queere Gesellschaftskritik bleibt folglich unerlässlich.
An Stelle staatstragender Systeme könnte ein gesellschaftlicher
Konsens treten, der sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert
und immer veränderlich bleibt. Benachteiligungen werden auch
dabei entstehen, durch eine ständige Selbst(reflektion) können
sie aber immer wieder aufgebrochen werden. (17)
Ein etwas anderer Ausblick
Es war einmal vor langer langer Zeit in einer
fernen Welt, begann Sedu zu erzählen, Menschen wurden geboren,
wie wir heute auch. Gleich nach der Geburt kümmerte sich die
Gebärende um die kleinen Frischlinge, spätestens eine
Woche darauf musste das Kind einen Namen haben, der zu einem von
zwei Geschlechtern passte. Der „Mann“, so wurde der
penetrierende Anteil bei der Befruchtung bezeichnet, ging währenddessen
„arbeiten“ oder er hatte sich für ein paar Tage
„Freizeit“ genommen. Als „Arbeit“ wurde
ein Vorgang zum Broterwerb bezeichnet, die Zeit zwischen der Arbeit
hieß „Freizeit“ und wurde in der Regel als viel
schöner und spaßiger wahrgenommen. Zwischen dem Gebären
war die „Frau“ (das war die Penetrierte) häufig
zu Hause und kümmerte sich um Sauberkeit, das Essen, spielte
mit den Kindern und hatte Sex mit dem arbeitenden Mann und nur mit
diesem. Für mehr waren Frauen nicht da, das heißt in
der Spätphase durften auch sie arbeiten gehen, hatten aber
nicht die gleichen Rechte und Möglichkeiten, Verantwortungen
zu übernehmen, wie Männer. Das die Frauen nur mit dem
arbeitenden Mann Sex haben durften und nicht mit anderen Menschen
wurde fest besiegelt, in christlichen Kirchen als „Ehe“.
Der „Staat“, ein durch Gewalt aufrecht erhaltenes System,
beförderte diese Institution Ehe und verband damit Vergünstigungen,
die die „Arbeitsteilung“ (also dass der Mann arbeiten
ging und die Frau zu Hause blieb) beförderte. Einige Männer
hatten Frauen auch ganz überflüssig gemacht und gingen
miteinander Ehen ein, um miteinander Sex haben zu dürfen; der
Penetrierte übernahm dann die Rolle der Frau. Ob das Kind nun
ein Mann oder eine Frau war, spielte somit natürlich eine entscheidende
Rolle. Dafür wurden auch Auswahlmechanismen noch vor der Geburt
eingeführt, um möglichst Männer als Kinder zu kriegen...
Das „eigene“ Bett für das Kind war schon vor der
Geburt „gekauft“ wurden. Es wurde sogar ein ganzes Kinderzimmer
eingerichtet. Die Menschen damals waren noch im Besitzstandsdenken
gefangen. Man nahm nicht was man brauchte und gab was man konnte,
sondern ging arbeiten, um im Austausch „Geld“ zu erhalten,
dass man dann gegen das, was man brauchte, eintauschen konnte. Wer
nichts eigenes hatte, war arm dran und wurde von der Gesellschaft
verstoßen. Menschen egoisierten (18) gern, „meine“,
„deine“, „das Eigene“ spielten eine große
Rolle. Das Egoisieren wurde an die Kinder rasch weitergegeben. Je
älter das Kind wurde, desto mehr wurde es auch an die jeweilige
Lebensrolle der Frau oder des Mannes herangeführt. Geschlechtertrennung
gab es allerorten, Benachteiligungen auch. Menschen die nicht Spiegelbilder
von dir selbst waren, durftest du verhauen bzw. der Staat sagte,
wann du sie verhauen durftest oder tat es selber. Wer nicht viele
Dinge als „eigen“ bezeichnen konnte, hatte nur wenige
Möglichkeiten auf Bildung und Teilhabe an lebensnotwenigen
Prozessen der Gesellschaft, sondern musste mehr arbeiten gehen.
So gingen einige acht, andere zehn oder zwölf Jahre zur Schule,
wo ihnen Wissen zum Arbeiten beigebracht wurde. Nebenbei lernten
sich Männer und Frauen kennen, hatten Sex miteinander. Wenn
die Männer und Frauen dann alt genug waren, heirateten sie
und gingen acht, zehn oder mehr Stunden am Tag arbeiten.
Sedu, und wie lange ging solch ein Leben?
Fußnoten
(1) Sprachlich werde ich ausschließlich
die weibliche Bezeichnung verwenden, mit der Intention, Menschen
aller Identitäten einzuschließen und an Dir nicht vorbeizureden.
(2) Jagose, Annamarie (2001): Queer Theory – Eine Einführung”,
Berlin, S.95ff
(3) Kraß, Andreas (2003): Queer Denken, Frankfurt/Main, S.17-19
(4) Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt/Main,
S.22ff, S.25ff
(5) Auch die Einteilung in “homo-“ und “heterosexuell”
ist problematisch, führt sie doch auch zu einer Einordnung
in ein zweigeschlechtliches System. An dieser Stelle soll sie nur
verwandt werden, um die Diskrepanz aufzuzeigen, in der sich Menschen
verschiedener Identitäten befinden.
(6) Nachdem die KPD zunächst führend war in den Forderungen
nach Aufhebung der Diskriminierung Homosexueller, verknüpfte
sie bereits seit 1931 menschenverachtende Äußerungen
Röhms mit seiner Homosexualität und der sittlichen und
körperlichen Gefährdung der Jugend. Bis 1934 suchte die
Exillinke bewusst nach Homosexuellen in der Führungsriege,
um das Klischee des homosexuellen Nazis aufzubauen, das den Umkehrschluss
zuließ: alle Schwulen sind Nazis. Nach einem Aufsatz von Klaus
Mann (1934: Die Linke und das Laster) verstummte die Diskussion
zunächst. Schließlich wurde neben das Klischee des homosexuellen
Nazis ein weiteres gesetzt, das des homosexuellen Verfolgten. (Zinn,
Alexander (1995): Die Bewegung der Homosexuellen. In: Grumbach,
Detlef (Hrsg.): Die Linke und das Laster, Hamburg)
(7) Weitgehend verbreitet war die Ansicht, dass Homosexualität
ein Überbleibsel des degenerierten Kapitalismus ist und sich
somit im Sozialismus erübrigen würde. Entsprechend wurde
die Bestrafung von Homosexualität 1968 abgeschafft, einer gesellschaftlichen
Gleichstellung jedoch entgegengewirkt, Treffpunkte überwacht,
Lokalitäten geschlossen und die Bildung von Vereinigungen abgelehnt.
(Grau, Günter (1995): Sozialistische Moral und Homosexualität.
In: Grumbach, Detlef (Hrsg.): Die Linke und das Laster, Hamburg)
Nicht zuletzt vertrat die DDR bis zur letzten Konsequenz ein Modell
der normativen, heterosexuellen, reproduktiven Ehe.
(8) Speck, Andreas: Nebenwiderspruch Homosexualität?, http://people.freenet.de/ask/a_gay.html
(Stand: 28.10.2002)
(9) Laschitza, Annelies (1990): Rosa Luxemburg und die Freiheit
der Andersdenkenden, Extraausgabe des unvollendeten Manuskripts
“Zur russischen Revolution” […], Berlin, S.157-158
(10) Wörterbuch Englisch-Deutsch, VEB Verlag Enzyklopädie
Leipzig, 1989; in gleichem Kontext: Langenscheidt Wörterbuch
Englisch, Langenscheidt KG, Berlin und München, 1999 und via
mundo – Basiswörterbuch Englisch, Bertelsmann Lexikon
Verlag GmbH, Gütersloh/München, 2001
(11) „Queer Read This, I Hate Straights”, veröffentlicht
in dem Manifest der Gruppe “Queer Nation”, 1990, in
leicht veränderter Fassung u.a. im Internet: http://www.jessanderson.org/doc/qnation.html
(Stand: 01.08.2003)
(12) Currid, Brian (2001): Nach queer? In: Heidel, Ulf / Micheler,
Stefan / Tuider, Elisabeth (Hrsg.), Jenseits der Geschlechtergrenzen,
Hamburg
(13) Butler, Judith (1997): Körper von Gewicht, Frankfurt/Main
(14) Currid, Brian (2001): Nach queer? In: Heidel, Ulf / Micheler,
Stefan / Tuider, Elisabeth (Hrsg.), Jenseits der Geschlechtergrenzen,
Hamburg
(15) PDS-Bundestagsfraktion (2002): Familienpolitik der PDS-Bundestagsfraktion
– Grundlinien und Perspektiven, Diskussionsstand vom März
2002, Berlin
(16) In anderen Gesellschaften herrschen weit restriktivere gesetzliche
Regelungen vor, die andere Lebensweisen z.T. mit der Todesstrafe
verfolgen. / Eine räumliche Grenzziehung zwischen „Nationen“
ist in vielerlei Hinsicht problematisch.
(17) Empfohlen sei hierzu Ursula K. Le Guin (1976): Planet der Habenichtse,
München (Erstveröffentlichung 1974 unter dem Titel „The
Dispossessed“ in den USA), in dem die Vision einer herrschaftsfreien
Gesellschaft dargestellt wird, die sich aus ihrer Selbst heraus
neue Grenzen aufbaut. Ein gesellschaftlicher Konsens steht schließlich
einer freien Entfaltung der Einzelnen entgegen, der durch Aktion
wieder aufgebrochen werden kann.
(18) Ebd. – zum Begriff des „Egoisieren"
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