Lieber
ein warmer Bruder als ein Kalter Krieger!
Geschlechterrollen und Militarismus
„Ob er nun in Kroatien, Bosnien, Serbien,
in Indochina oder Uzbekistan kämpft, ob Befreiungskämpfer
oder Imperialist, der Krieger vergewaltigt Frauen. Er fühlt
es in seinem Kopf, in seinem Gewehr und in seinem Sexualorgan: die
Zivilisation ermutigt ihn, genau das zu tun. [...] Es geht weniger
um die ‘Wiederherstellung’ des Kriegers, denn um die
Selbstvergewisserung der eigenen Macht, und die Befriedigung des
Gefühls, zu den wahren Männern zu gehören.“
Lepa Mladjenovic
Krieg und Vergewaltigung, Militär und
Prostitution gehören nach Meinung vieler Antimilitaristen untrennbar
zusammen, womit dann auch häufig schon die Analyse aufhört.
Es ist ein leichtes sich von einem solchen „Bild des Mannes“
zu distanzieren und sich damit einer weiteren Beschäftigung
mit Männlichkeit und Militär zu entziehen. Ist Macht-
und Gewaltstreben wirklich so untrennbar an den „(harten)
Mann“ gebunden? Welchen Einfluss hat die Bundeswehr damit
auf den Gewaltpegel in der Bevölkerung? Und welchen Einfluss
hat die Öffnung der Bundeswehr für Frauen, das Verbot
der Diskriminierung von Lesben und Schwulen – Kommt damit
endlich auch „Gefühl“ in die Truppe? Oder sind
das alles überkommene Rollen – die gefühlvolle Frau
und der kämpferische Mann?
Das Militär
im Kontext der Zivilgesellschaft
Nach wie vor stellt das Militär ein Herrschaftsinstrument und
Strukturelement der Politik und „Demokratie“ in der
Bundesrepublik Deutschland dar. Staatsgewalt und Verfügungsgewalt
werden über ein gleichberechtigtes Miteinander der Menschen
gestellt. Den allgemeinen Menschenrechten und den Ansätzen
zur gewaltfreien Konfliktlösung in der zivilen Gesellschaft
wird die Notwendigkeit zum Töten gegenübergestellt. Dabei
kann man aber von keiner Entkopplung von Militär und Zivilgesellschaft
sprechen. Soldaten – und neuerdings auch Soldatinnen –
haben ihren Ursprung im Zivilleben. Es gibt zahlreiche Wechselwirkungen
zwischen dem „Privaten“, der „zivilen Gesellschaft“
und dem „Militär“. Dabei ist die Zivilgesellschaft
notwendige Voraussetzung für ein funktionierendes Militär:
Ø Alltagssprache
Ø Wehrpflicht, Zivildienst, staatliche Zwangsdienste
Ø Polizeigewalt, Überwachung, Gefängnisse
Ø Zivile Unternehmen
Ø Rüstungsproduktion
Ø Rüstungsexport
Ø Katastrophenbewältigung
Ø Militärseelsorge
Ø „Staatsbürger in Uniform“...
Verschiedene Bereiche einer Zivilgesellschaft
werden somit in militärische Zusammenhänge einbezogen.
Die Rüstungsproduktion integriert Arbeiterinnen und Gewerkschaften,
der Rüstungsexport den Handel, die Wirtschaft und die Außenpolitik,
die Militärseelsorge integriert Kirchen, die Privatisierung
einzelner Bereiche, zivile Unternehmen und die Öffnung der
Bundeswehr für Frauen auch Frauen.
Die Auflösung
des Individuums
Kein vernunftbegabter Mensch in einer zivilen Gesellschaft würde
freiwillig in einer Reihe antreten, durch den Schlamm kriechen...
erst funktionalisierte Gewalt ermöglicht die Auflösung
und Unterordnung des Individuums. Dabei gibt es natürlich auch
zahlreiche nicht direkt militärische Beispiele, die eine Selbstaufgabe
des Menschen bewerkstelligen, wie autoritäre Systeme und auch
Polizeigewalt in der heutigen Gesellschaft. Befehl und Gehorsam,
die eine Grundlage im Militär finden, spielen dabei aber jeweils
eine entscheidende Rolle. Soldatinnen werden entprivilegiert und
nach ihrer Funktionalität sortiert. Es interessiert nicht mehr,
ob die Einzelne Hobbys, Probleme oder etwa Magenschmerzen hat. Genauso
wenig interessiert auch die jeweilige Sexualität. Sie muss
in dem Apparat funktionieren, Befehl und Gehorsam sind entscheidend.
Nach dem Übergang von der Wehrmacht zur Bundeswehr wurde versucht,
demokratische Strukturen auf eine neue Armee zu übertragen.
Soldatinnen haben das Recht formal gegen unberechtigte Befehle zu
protestieren; auf dem Papier. Im Zweifelsfall gilt in einer funktionalisierten
Ordnung Befehl und Gehorsam. Ihr Übriges tragen Kameradinnen
und ein Corpsgeist bei, die nicht-angepasste Verhaltensweisen sanktionieren.
Festigung
normierter Geschlechtergrenzen
Ein Identitätsmerkmal des Militärs sind Geschlechterrollen.
Es stützt Machtverhältnisse, die traditionell patriarchal
geprägt sind und wird von diesen gestützt. Männer
sind kampfesstark. Männer haben keine Gefühle und Emotionen
zu zeigen. „Weicheier“ werden ausgegrenzt und eingeschüchtert.
Frauen werden als die zu Beschützenden begriffen. Ihnen werden
Kindererziehung, Haushalt und Emotionen zugeordnet.
Die Liberalisierung und die damit verbundene
Öffnung der Bundeswehr soll Offenheit demonstrieren und zeigen,
dass eine militärische Identität auch auf Frauen übertragen
werden kann. Dabei müssen Frauen (nicht nur in der Bundeswehr)
150% der Leistung bringen, um als gleichberechtigt anerkannt zu
werden. Wenn eine Frau es geschafft hat, heißt es dann, sie
sei ein „Mannweib“, was impliziert, dass sie bei ihrem
Werdegang ihr Geschlecht verleugnet hat.
Dabei haben auch im traditionellen Sinne Frauen
dies gar nicht nötig. Traditionell haben Frauen zwar eine größere
Distanz zum Militär, die sich aus einer geschlechtsspezifischen
Arbeitsteilung und Unterdrückung herleitet und in einer größeren
Lebensnähe in Form von Erziehung, Pflege- und Lehrtätigkeit
manifestiert. Dennoch beinhaltet eine formale Distanz nicht gleichzeitig
eine inhaltliche Distanz. Ohne Mütter, die ihren Kindern zur
Armee zureden würden, ein militärisches System tolerieren
oder dies gar aktiv in der Kantine oder im Sanitätsdienst in
der Bundeswehr unterstützen, wäre dies nicht möglich.
Die Öffnung der Bundeswehr hat nach Ansicht von Feministinnen,
ein Stück mehr Gleichberechtigung für Frauen ermöglicht.
War aber nicht ehemals von Emanzipation die Rede? Ein Apparat von
Unterdrückung und Gehorsam stellt keinen Ort dar, in dem sich
Frauen emanzipieren können. Es bleibt eine Forderung:
Die Auflösung der Bundeswehr.
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